Fruchtjoghurt gilt bei vielen Eltern als gesunde Zwischenmahlzeit für ihre Kinder. Die bunten Becher mit fröhlichen Bildern und Versprechen wie „mit Früchten“ oder „Calcium für starke Knochen“ erwecken den Eindruck, dem Nachwuchs etwas Gutes zu tun. Doch ein genauer Blick auf die Nährwerttabelle offenbart eine ernüchternde Wahrheit: Viele dieser Produkte enthalten erschreckend hohe Zuckermengen, die jede positive Wirkung zunichtemachen.
Die süße Falle im Kühlregal
Ein durchschnittlicher Kinderjoghurt mit Fruchtgeschmack kann pro 100-Gramm-Becher zwischen 12 und 16 Gramm Zucker enthalten. Eine umfassende Marktstudie von Foodwatch, die 32 an Kinder vermarktete Joghurts analysierte, ermittelte einen Durchschnittswert von 14,3 Gramm Zucker pro 100 Gramm. Der niedrigste gemessene Wert lag bei 10,7 Gramm, der höchste sogar bei 20 Gramm.
Bei einer typischen Kinderjoghurt-Portion von 120 bis 130 Gramm nehmen Kinder damit zwischen fünf und sechs Zuckerwürfel auf – und das bei einer Mahlzeit, die in wenigen Minuten verzehrt ist. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt maximal zehn Prozent des täglichen Energiebedarfs aus freien Zuckern zu decken. Ein einziger Joghurtbecher macht damit bereits einen erheblichen Teil dieser Menge aus.
Besonders alarmierend: Kein einziges der untersuchten Produkte erfüllt aktuell die WHO-Empfehlung von maximal zehn Gramm Zucker pro 100 Gramm für Lebensmittel, die an Kinder vermarktet werden. Nicht jeder Zucker in diesen Produkten stammt aus den enthaltenen Früchten. Der natürliche Milchzucker Laktose macht nur einen Teil aus. Der Rest ist zugesetzter Zucker in verschiedenen Formen, der die Nährwertbilanz massiv verschlechtert.
Versteckspiel auf der Zutatenliste
Hersteller nutzen verschiedene Strategien, um den tatsächlichen Zuckergehalt zu verschleiern. Statt einfach „Zucker“ zu deklarieren, finden sich auf den Zutatenlisten Bezeichnungen wie Glukosesirup, Fruktose, Maltodextrin, Dextrose oder Saccharose. Alle diese Begriffe bedeuten letztlich dasselbe: Zucker, der den Produkten zugesetzt wurde.
Ein weiterer Trick besteht darin, mehrere verschiedene Zuckerarten zu verwenden. Da Zutaten nach Gewicht sortiert werden müssen, rutscht durch diese Aufsplittung keine einzelne Zuckerart an die erste Stelle der Liste. Eltern wiegen sich dadurch in falscher Sicherheit, obwohl die Gesamtzuckermenge beträchtlich bleibt.
Wenn Eltern den Zuckergehalt unterschätzen
Wie gravierend die Täuschung wirkt, zeigt eine Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der Universität Mannheim eindrücklich: 92 Prozent der befragten Eltern unterschätzten den Zuckergehalt eines handelsüblichen 250-Gramm-Fruchtjoghurts massiv. Sie gingen durchschnittlich von nur vier Zuckerwürfeln aus, tatsächlich enthielt das Produkt aber elf Zuckerwürfel. Die Differenz von sieben Zuckerwürfeln entspricht 60 Prozent der tatsächlichen Gesamtzuckermenge.
Diese Fehleinschätzung hat weitreichende Folgen: Eltern, die ihren Kindern vermeintlich gesunde Zwischenmahlzeiten anbieten, tragen unwissentlich zu einem übermäßigen Zuckerkonsum bei. Ein Kind, das täglich eine durchschnittliche Portion Frühstücksflocken mit Milch sowie einen Kinderjoghurt isst, nimmt bereits etwa 27 Gramm freien Zucker auf – fast 60 Prozent der maximalen empfohlenen Tagesmenge, ohne dass zusätzliche Süßigkeiten hinzukommen.
Die Folgen für die Kindergesundheit
Der regelmäßige Konsum zuckerreicher Joghurts kann weitreichende Konsequenzen haben. Kinder gewöhnen sich an einen stark gesüßten Geschmack und entwickeln entsprechende Präferenzen, die sie oft bis ins Erwachsenenalter beibehalten. Naturjoghurt oder weniger gesüßte Alternativen werden dann als „langweilig“ empfunden und abgelehnt.
Gesundheitlich problematisch ist vor allem der Zusammenhang zwischen hohem Zuckerkonsum und verschiedenen Erkrankungen. Karies steht dabei an vorderster Stelle, doch auch Übergewicht und die damit verbundenen Folgeerkrankungen wie Diabetes Typ 2 treten mittlerweile bereits im Kindesalter häufiger auf. Der vermeintlich gesunde Joghurt am Morgen oder als Pausensnack trägt unbemerkt zu dieser Entwicklung bei.

Nährwertungleichgewicht erkennen
Ein ausgewogenes Milchprodukt sollte ein vernünftiges Verhältnis zwischen Protein, Fett und Kohlenhydraten aufweisen. Bei vielen Kinderjoghurts ist dieses Gleichgewicht jedoch massiv gestört. Während der Proteingehalt oft bei mageren drei bis vier Gramm pro 100 Gramm liegt, schießt der Kohlenhydratanteil durch den Zuckerzusatz in die Höhe.
Die Nährwerttabelle ist aussagekräftiger als Werbeversprechen auf der Verpackungsvorderseite. Der Gesamtzuckergehalt pro 100 Gramm sollte idealerweise unter zehn Gramm liegen, um der WHO-Empfehlung zu entsprechen. Die Position von Zucker auf der Zutatenliste verrät ebenfalls viel: Je weiter vorne, desto höher der Anteil. Mehrere verschiedene Zuckerarten auf der Liste deuten auf Verschleierungstaktiken hin. Besonders aufschlussreich ist das Verhältnis von Protein zu Zucker – ein guter Joghurt enthält mehr Protein als Zucker.
Gesündere Alternativen selbst gestalten
Die beste Lösung besteht darin, auf Naturjoghurt zurückzugreifen und diesen selbst zu verfeinern. Mit frischen oder tiefgekühlten Früchten, einem kleinen Löffel Honig oder etwas Vanille lässt sich ein Joghurt zubereiten, bei dem Eltern die volle Kontrolle über den Zuckergehalt haben. Kinder können dabei sogar mithelfen und lernen so spielerisch, wie gesunde Ernährung funktioniert.
Auch pürierte Bananen oder ein wenig Apfelmus sorgen für natürliche Süße, ohne dass zusätzlicher raffinierter Zucker nötig wird. Der Mehraufwand hält sich in Grenzen, die gesundheitlichen Vorteile sind jedoch erheblich.
Schrittweise Umgewöhnung
Kinder, die bereits stark gesüßte Joghurts gewohnt sind, werden einen Naturjoghurt wahrscheinlich zunächst ablehnen. Eine schrittweise Umstellung funktioniert besser: Zunächst können stark gezuckerte Produkte mit Naturjoghurt gemischt werden, wobei der Anteil des ungesüßten Joghurts nach und nach erhöht wird. Parallel dazu können Früchte die fehlende Süße ausgleichen.
Diese Methode erfordert etwas Geduld, zahlt sich aber langfristig aus. Der Geschmackssinn passt sich an, und Kinder lernen, natürliche Aromen wieder zu schätzen. Was anfangs nach mühsamer Überzeugungsarbeit klingt, wird schnell zur Routine – und die Kleinen profitieren ein Leben lang davon.
Warum freiwillige Vereinbarungen nicht ausreichen
Die Politik hat das Problem erkannt, setzt jedoch auf freiwillige Maßnahmen statt verbindliche Vorgaben. Die Bundesernährungsministerin einigte sich mit der Lebensmittelwirtschaft darauf, dass der Zuckergehalt in Kinderjoghurts bis 2025 um mindestens zehn Prozent sinken soll. Klingt nach einem Fortschritt – ist aber bei genauerer Betrachtung völlig unzureichend.
Nach dieser vereinbarten zehnprozentigen Reduktion würde der durchschnittliche Zuckergehalt bei Kinderjoghurts auf 12,9 Gramm pro 100 Gramm sinken. Damit lägen die Produkte immer noch deutlich über der WHO-Empfehlung von maximal zehn Gramm. Um diese Vorgabe tatsächlich zu erfüllen, müsste der Zuckergehalt um 30 Prozent reduziert werden – also das Dreifache der vereinbarten Menge. Auch nach Umsetzung der geplanten Strategie würden die allermeisten Kinderlebensmittel die gesundheitlichen Anforderungen verfehlen.
Transparenz einfordern
Verbraucher haben das Recht auf klare und ehrliche Produktinformationen. Wenn Kinderjoghurts als gesunde Option beworben werden, sollten sie diesem Anspruch auch gerecht werden. Leider ist dies aktuell bei vielen Produkten nicht der Fall. Hier sind sowohl die Hersteller als auch die Politik gefordert, für mehr Transparenz zu sorgen.
Einige Länder haben bereits Maßnahmen ergriffen, um den Zuckergehalt in Kinderprodukten zu begrenzen oder deutlichere Kennzeichnungen vorzuschreiben. Farbcodierungen auf der Verpackungsvorderseite, die auf einen Blick zeigen, ob ein Produkt viel oder wenig Zucker enthält, würden Eltern die Kaufentscheidung erheblich erleichtern.
Bis dahin bleibt nur der informierte Griff ins Kühlregal. Wer die Tricks der Hersteller kennt und die Nährwerttabelle kritisch liest, kann seinem Kind tatsächlich einen gesunden Joghurt bieten – auch wenn dafür manchmal ein paar Minuten mehr Aufwand nötig sind. Die Gesundheit unserer Kinder sollte uns diese Zeit wert sein.
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